Am 19. September 2026 beteiligte sich die Internationale Akademie Nürnberger Prinzipien (Akademie) an den Nürnberger Stadt(ver)führungen2026. Die jährlich stattfindenden Stadt(ver)führungen werden durch die Stadt Nürnberg seit über 20 Jahren organisiert. Im Laufe eines Wochenendes bieten mehr als 1.000 Stadtführungen die Möglichkeit, Nürnberg, seine Kultur und seine Geschichte aus neuen und oft einzigartigen Perspektiven zu entdecken. In diesem Jahr standen die (Ver)Führungen unter dem gemeinsamen Motto Zeitfenster.
Von diesem Thema ausgehend, lud die Akademie zu einer offenen Diskussion über die notwendigen Rahmenbedingungen der Aufarbeitung von durch Staaten begangenem Unrecht, und über die Frage, ob es den perfekten Zeitpunkt für Gerechtigkeit überhaupt gibt. In einer Diskussion unter der Moderation von Astrid Walter, Projektassistenin der Akademie, teilten Christoph Flügge und Stefanie Küfner ihre Erfahrungen aus der Arbeit an internationalen Strafgerichtshöfen.
Stefanie Küfner ist geboren und aufgewachsen in Nürnberg und entwickelte früh ein starkes Interesse an Menschenrechten und internationalem Strafrecht. Nach ihrem Jurastudium in Deutschland und den Niederlanden war sie von 2010 bis zur Schließung des UN Kriegsverbrecher Tribunals für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) als Legal Officer tätig und arbeitete an bedeutenden Verfahren, darunter die Fälle von Zdravko Tolimir und Ratko Mladić. Seit 2018 ist sie beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) und leitet derzeit die Abteilung für Rechts- und Vertragsfragen in der Kanzlei des Gerichts.
Der geborene Hamburger Christoph Flügge absolvierte sein Jurastudium in Berlin und Bonn. Nach dem Staatsexamen war er in verschiedenen Funktionen in der Berliner Justiz tätig, so als Staatsanwalt, Strafrichter und Leiter des Berliner Strafvollzuges – vor allem in der Zeit der Neuorganisation des Gefängniswesens in Berlin infolge der Wiedervereinigung. Anschließend war er Staatssekretär für Justiz in Berlin. 2007 wurde er zum Richter am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) berufen, dem er bis zu seiner Schließung 2017 angehörte. Er war u.a. an den Verfahren gegen Vlastimir Đorđević, Zdravko Tolimir und Ratko Mladić beteiligt. Daneben war er bis 2018 Richter am Nachfolgegericht „International Residual Mechanism for Criminal Tribunals“, welches sich auch mit Fällen des Ruanda-Krieges befasst hat. Zusätzlich war Christoph Flügge für den Europarat jahrelang beratend an der Reform des ukrainischen Gefängniswesens beteiligt und hat nach mehrwöchigen Anstaltsbesuchen dafür Empfehlungen erarbeitet.
In einer angeregten Diskussion beantworteten sie die zahlreichen Fragen aus dem Publikum, das großes Interesse daran zeigte über die Arbeitsweisen in internationalen Strafgerichtshöfen zu erfahren. Sie diskutierten über das Mandat der Gerichtshöfe und seine Grenzen, und über politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die für den Erfolg eines Strafverfahrens ausschlaggebend sind. Unter Bezug auf die deutschen Erfahrungen mit Übergangsjustiz, insbesondere den Nürnberger Prozessen, konnten sie anschaulich darstellen, wie sich die öffentliche Wahrnehmung der Verfahren auch wandeln kann: von der Wahrnehmung als Siegerjustiz hin zu einem Verständnis der Verfahren als legitime und notwendige Strafverfahren. Herr Flügge und Frau Küfner teilten zudem ihre persönlichen Erfahrungen aus der Arbeit an internationalen Strafgerichten, und die Schwierigkeiten gegen großen politischen Widerstand zu arbeiten, wie beispielsweise die Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof, die durch die US-Administration erlassen wurden. Sie gingen auch auf die emotionale und psychische Belastung ein, die den Mitarbeitenden der Gerichtshöfe durch die alltägliche intensive Beschäftigung mit massiven, schwerwiegenden Gewaltverbrechen entstehen kann; betonten zugleich jedoch die Hoffnung und Entschlossenheit, die sie dazu bewegen, sich engagiert im Namen der Opfer und Überlebenden der Gewalt für Gerechtigkeit einzusetzen.
Wir bedanken uns von Herzen für die Beteiligung aller Anwesenden an diesem Austausch. Ganz besonderer Dank gilt unseren Gästen Frau Stefanie Küfner und Herrn Christoph Flügge. (aw)
